Paperlux


Sie gehören zu den ganz Großen des Jahres 2011. Paperlux hat mit der Cover-Gestaltung für die Novemberausgabe von novum dieses Jahr weltweit von sich reden gemacht. Dabei spielen sie schon länger ganz oben mit. Hermès hat Paperlux bereits mit dem Titel ‚Atelier Artisan’ geadelt und zu ihren Kunden gehören Firmen wie Montblanc, Alexander McQueen, Adidas, die Goldene Kamera, Stöver und viele mehr. Ihre Arbeiten zeichnen sich vor allem durch hohe Qualität, außergewöhnliche Materialien und eine ausgesprochene Detailverliebtheit aus. Geschaffen werden kleine Kunstwerke, meist in begrenzter Stückzahl. Wer jetzt ein durchdesigntes Büro, voller unterkühlter Art Director erwartet, der wird überrascht sein. Hinter der Tür des kleinen Fachwerkhauses im Schanzenviertel Hamburgs erwarten einen vor allem viele Schulmöbel, die einer Leidenschaft des Inhabers und Gründers Max Kuehne entspringen. Genutzt wird dieses doch etwas außergewöhnliche Büro von einem Team kreativer Individualisten, die Max Kuehne liebevoll als Familie bezeichnet. Grund genug für uns, hinter die Kulissen zu schauen.

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Sag mal, wie ist das eigentlich, ist Paperlux ein Familienbetrieb?

Max Kuehne
Ja wir sind ein Familienbetrieb. Meine Frau und ich teilen uns die Geschäftsleitung. Sie pflegt den Kontakt zu den Kunden und ich domptiere die Kreation. Am Nachwuchs für unsere Konfektion arbeiten wir. (lacht)

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Wie würdest du Paperlux in wenigen Sätzen beschreiben?

Max Kuehne
Paperlux zu beschreiben ist relativ easy. Paperlux ist die Verbindung meiner beiden Eltern, bzw. der Berufe meiner beiden Eltern. Meine Mutter ist ursprünglich mal gelernte Modistin gewesen, also Hutmacherin und mein Vater ist Maschinenbaumeister. Beides verbindet Paperlux. Das heißt auf der einen Seite ist Paperlux sehr gestalterisch, sehr künstlerisch, immer mit einem Blick für Mode, schöne Sachen, schöne Materialien und Oberflächen. Auf der anderen Seite haben wir einen extremen Anspruch an Technik und Präzision. Das ist das, was Paperlux ausmacht.

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Ja, das habe ich gesehen. Alles ist sehr Detailgenau. Meine Lieblingsarbeit ist der Baum mit der Frau. Das habt ihr, glaube ich, für…

Max Kuehne
…Alexander McQueen, Gott hab ihn selig, gemacht. Das war eine Illustration von ihm, die er selber gezeichnet hat. Wir haben damals die Idee entwickelt, wie die Einladung aussieht und wie das Ganze umgesetzt wird. Das war eine sehr interessante Zusammenarbeit.

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Was ist die Grundphilosophie von Paperlux?

Max Kuehne
Es ist wirklich so. Paperlux sind am Ende des Tages diese beiden Dinge: die Liebe zu guter Gestaltung und zu guten Materialien und auf der anderen Seite die Präzision in der Umsetzung. Ich sage meinen Gestaltern immer „Gestaltung fängt viel früher an als bei dem, was ihr irgendwo drauf klebt. Gestaltung fängt eigentlich bei der Auswahl des Materials an. Überlasst nie die Auswahl des Materials irgendjemand anderen, es sagt schon so viel aus.“ Gestaltung fängt beim Material an und bei dem Träger. Jeder Künstler sucht sich vorher seinen Untergrund: sei es Andy Warhol, der mal Autos bemalt hat oder ein Graffiti-Künstler, der sich seine Wand aussucht, die gut ist, oder ein Street Artist, der sich sagt „die Ecke passt für mein Kunstwerk, weil vielleicht die Ecke drumherum noch etwas erzählt“ oder weil er mit der Umgebung arbeiten kann. Das ist unsere grundsätzliche Denke und das, was wir machen.

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Produziert ihr selbst, seid ihr an eine Druckerei angeschlossen oder habt ihr eine Druckerei mit der ihr eng zusammen arbeitet?

Max Kuehne
Wir haben verschiedene Partner, mit denen wir seit Jahren zusammen arbeiten. Sonst könnte man das nicht machen, da ich die Leute in vielen Dingen quäle, gerade weil wir diese Präzision wollen. Es gibt wenige, die das mitmachen, und es gibt noch weniger, die das Verständnis für das haben, was wir machen. Dementsprechend sind das alles Partner, mit denen ich über lange Zeit zusammen arbeite und mit denen ich sehr freundschaftlich zusammen arbeite. Bei unserer Druckerei ist gerade Generationenwechseln, d.h. der Senior hört auf, der Junior fängt an. Er ist in unserem Alter und hat noch mehr Verständnis für uns und dafür, wie der Markt in Zukunft funktioniert. Gerade bei Druckereien, wo es sehr viel Preiskampf gibt, ist es wichtig, langfristige Partner zu haben, sonst funktioniert unsere Arbeit nicht. Auf der anderen Seite sind wir in der glücklichen Lage eines der wenigen Designstudios zu sein, die eine eigene Werkstatt haben. Unsere untere Etage ist komplett nur Werkstatt. Da steht eine alte Heidelberger Druckmaschine. Das macht wiederum ein Freund von uns, der bei uns zur Untermiete sitzt. Dort ist auch unser Laser untergebracht und wir haben eben auch die Möglichkeit, viele Dinge von Hand zu verarbeiten. Gerade bei geringen Stückzahlen, machen wir die Endverarbeitung bei uns im Haus. So hat man wirklich noch den letzten Blick drauf und sagt „jetzt ist alles gut“. Da habe ich auch jemanden gefunden, der diesen Part übernimmt und der dafür eine Passion entwickelt hat.

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Ja, es ist gut, wenn man Leute findet, die die gleichen Prinzipien haben.

Max Kuehne
Es ist ein hartes Stück Arbeit und wir haben das Ganze auf Langfristigkeit angelegt und nicht gesagt wir wollen schnell viel Geld verdienen. Wir machen das, weil genau das unsere Passion ist. Und wir können das machen. Ich sehe das mit einer gewissen Demut, dass wir das durch unsere Kunden möglich gemacht bekommen und uns nicht quälen müssen. Das ist auch wichtig für uns. Wir haben Kunden auch schon gesagt „wir können nicht mit euch arbeiten weil es für uns beide nichts bringt”. Es quält uns und es quält den Kunden, weil er nicht zufrieden ist und weil er die Ergebnisse ganz anders sieht. Das macht keinen Sinn. Für uns ist ein Kunde jemand, mit dem wir partnerschaftlich zusammen arbeiten.

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Eure Geschichte, dein Werdegang. Ich habe einen Artikel von 2009 gefunden, in dem steht, dass Du ursprünglich Graffitis gemacht hast und deine Schule abgebrochen hast.

Max Kuehne
Ja, man hat mir nach 10 Jahren nahe gelegt, dass ich jetzt etwas anderes machen sollte außer Schule. Es ist nicht so, dass ich Schule irgendwie doof finde, unser ganzes Büro ist zum Beispiel auch voller Schulmöbel. Ich liebe alte Schulmöbel. Ich habe auch Schule bis zu einem bestimmt Punkt geliebt, aber wir sind Anfang `89 – ich komme ursprünglich aus Dresden – abgehauen und sind übergesiedelt. Es sind unterschiedliche Schulsysteme gewesen. Ich kam mit dem Schulsystem hier im Westen einfach nicht so gut klar und dementsprechend war’s dann auch irgendwann gut. Ich habe dann über glückliche Zufälle eine Ausbildung gefunden. Ich bin eigentlich gelernter Schriftenmaler.

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Das heißt, du kommst ja eigentlich schon aus dem kreativen Bereich.

Max Kuehne
Ja, wobei es mehr Handwerk ist und nicht studiertes Kommunikationsdesign. Der Werdegang der Firma fängt mit dem Namen an: Paperlux ist eine Verbindung von Papier und Licht. Viele vermuten dahinter immer Luxus oder Deluxe, weil wir auch mit diesen Premium- und Luxuskunden zusammenarbeiten, aber eigentlich kommt das von dem Begriff ‚Lux’ für Licht und das eben wegen der Papiergravur. Das ist eine Idee, an der ich in den 90er Jahren gearbeitet habe, um ein bisschen mehr Freiheit in der Gestaltung zu haben. Also wirklich zu sagen „ich finde diese ganzen Veredelungsverfahren alle interessant und auch die Druckverfahren“, aber sie beinhalten immer ein Problem: ich muss mir irgendeine Vorlage erstellen, d.h., ich muss mir ein Prägewerkzeug oder eine Druckplatte erstellen. Ich wollte damals ein bisschen mehr Flexibilität in dem Thema Gestaltung und Umgang mit Oberflächen und habe mit dem Thema Laser herumexperimentiert. Das muss so 97/98 gewesen sein. Dann ist das Ganze in der Schublade verschwunden. Hamburg ist eine Medienstadt und war in der ganzen Internetzeit quasi so etwas wie Goldgräber-City, was das Internet anging. Ich fand das wahnsinnig interessant, diese neuen Möglichkeiten und habe mich dann da so ein bisschen ausprobiert. Das war noch als freier Gestalter. 2003 ist dann der ganze Mist hochgegangen. Hamburg war sehr depressiv in dieser Zeit und ich habe mich rückbesonnen auf die Sachen, die ich eigentlich gerne mag und gut kann. Ich habe diese Geschichte wieder aus der Schublade geholt und habe sie den ersten Leuten aus der Papierindustrie gezeigt und die waren hellauf begeistert. Ich habe dann mit Gmund gesprochen, weil mich die Papiere sehr begeistert haben. So haben wir angefangen wirklich zu sagen, unser Hauptding ist die Papiergravur, plus angeschlossen die Produktion und die Gestaltung. Wobei das in der Anfangszeit lustigerweise nicht wirklich unser Fokus war. Wir hatten immer Kunden die wir betreut haben, auch schon 2003. Damals angefangen mit Jette Joop, für die wir 2 Jahre gearbeitet haben, bis 2005. Wir haben die erste Website und viele Drucksachen gemacht, sowohl für sie privat, als auch für das Unternehmen. Ich habe die Firma ja damals mit einem Partner gegründet, von dem ich mich 2009 getrennt habe.

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Das war Jan…

Max Kuehne
…Jan Staecker, genau, wir haben das von 2003 bis 2009 zusammen gemacht, also 6 Jahre. Wir haben 2006 noch jemanden mit reingenommen, der uns auf der Finanzseite strukturiert hat. Das ist wunderbar, ich bin heute wirklich sehr dankbar dafür, weil das ein Punkt ist, der mich immer noch irre macht. Ich habe mittlerweile das Verständnis dafür entwickelt, dass solche Sachen nicht nur schön sein dürfen, sondern auch wirtschaftlich sein müssen – Geld verdienen müssen. Glücklicherweise arbeiten wir selten in dem Bereich, wo wir wirklich etwas verkaufen müssen. Wir laden ein zu einer Fernseh-Gala oder wir machen ein Geschenk für eine Rugby-Mannschaft. Also es sind immer Projekte, die außerhalb des klassischen Marketings sind. Nichtsdestotrotz müssen wir wirtschaftlich sein, weil es auch dafür Budgets gibt und es gibt selten ein unbegrenztes Budget. novum ist ein totaler Glücksfall, aber auch nur, weil die Menschen dort diese Möglichkeiten aufmachen und sagen, „bei dem Ding ist es dann am Ende des Tages egal, da muss ich nicht auf Zahlen achten”. In anderen Fällen arbeiten wir meistens in einem Budgetrahmen, der nicht schlecht ist, aber wo wahrscheinlich andere Agenturen, dadurch dass sie nicht so aufwendig produzieren, oftmals mehr Geld verdienen.

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Dafür ist das, was ihr macht, sehr außergewöhnlich.

Max Kuehne
Ja, das stimmt. Ich glaube, es ist nachhaltiger und solche Zusammenarbeiten, gerade wie mit Hermès, sind das, was es eigentlich auch ausdrückt. Wir sind das einzige deutsche Studio, das direkt für Hermès in Paris arbeitet. Sie haben uns mal irgendwann mit dem Begriff Atelier Artisan geadelt.

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Wo liegt der Schwerpunkt von Paperlux?

Max Kuehne
Wir haben einen sehr hohen künstlerischen Anspruch plus eben dieses extrem handwerkliche Know-How. Der Schwerpunkt von Paperlux ist, Projekte von A bis Z machen zu können. Also wirklich von der ersten Idee, bis zum Letzten, dass irgendjemand drüber streicht und sagt „ok das Projekt oder das Produkt ist jetzt gut und es ist fertig und es wird verpackt und versendet“. Wir versenden unsere Sachen mittlerweile auch weltweit. Der zweite Punkt ist immer noch die Papiergravur. Wir sagen, dass wir da auswählen. Wir machen unsere Produkte mit Gmund zusammen, für den Gmund-Store, was fertige Produkte sind. Auf der anderen Seite sagen wir, solche Sachen wie IWC, das Booklet zu gravieren, ist sehr interessant. Aber es kommen auch Leute auf uns zu mit Gestaltungen, wo ich von vornherein weiß, dass sie sich mit der Technik nicht auseinandergesetzt haben, und das ist eigentlich wie eine schlechte Prägung. Es gibt so viele schlechte Beispiele für Veredelungen, wo man lieber auf die Veredelung hätte verzichten sollen und da können wir mittlerweile auch nein sagen. Wir haben den Fokus auf Design und Produktion gelegt.

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Hat Paperlux eine besondere Arbeitsweise?

Max Kuehne
Zur besonderen Arbeitsweise habe ich eben schon ein bisschen was erzählt: die Gestaltung bei dem anfangen zu lassen, was das Material uns bietet, ob es jetzt Holz ist, ob es Stein ist, ob es Papier ist, welches Papier es ist, was für eine Oberfläche, ist es kalt, ist es warm, ist es nass, ist es trocken? Das sagt schon so viel aus und ich glaube das ist auch das, was unsere Arbeitsweise ausmacht. Plus, dass wir in der glücklichen Lage sind, das Ganze auch bis zum Schluss zu begleiten. Also, dass wir es im Prozess nicht irgendwann abgeben, sondern dass wir wirklich sagen „wir entwickeln dieses Konzept, gestalten und haben auch die Produktion in der Hand und haben in jedem Produktionsschritt die Möglichkeit, Dinge zu ändern und anzupassen, ohne mit jemandem darüber sprechen zu müssen“. Das ist ein großes Geschenk und ein großes Vertrauen, das uns unsere Kunden entgegenbringen. Es geht nicht darum, grundsätzliche Dinge zu ändern, sondern Kleinigkeiten, die das Produkt am Ende zu dem machen, was es ist. Nur deshalb können wir die Produkte auch so machen, wie wir sie machen. Das entspricht ein bisschen der Arbeit eines Couturier, weniger des von der Stange. Ich weiß bei so gut wie jedem Projekt, wie es auf dem Tisch hin gelegt aussehen muss und welche Details ich eigentlich schon fotografieren will. Ich glaube, das ist die Kunst und das Besondere daran: ein Gefühl und eine Liebe für Material zu entwickeln. Wir haben z.B. eine Edition für Ralf Ziervogel entwickelt. Es wird jetzt eine neue Edition mit einem Street Art Künstler aus Berlin geben, wo ich dann aber auch mit den Künstlern in der Werkstatt rumhopse und wir irgendwelche Materialien aus den Regalen ziehen und verschiedene Dinge ausprobieren. Ich muss in dem Augenblick nicht sagen „ne, da muss ich erst jemanden fragen“ oder „wir können das jetzt nicht ausprobieren, weil wir die Möglichkeiten oder die Maschinen dazu nicht haben“. Wir haben uns ganz viele Möglichkeiten mit unserer Werkstatt geschaffen, so dass man dann schon ungefähr absehen kann, in welche Richtung es geht, um auch zu wissen, was in der Produktion möglich ist.

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„Wer“ ist Paperlux?

Max Kuehne
Paperlux bin auf der einen Seite ich mit meiner kreativen Rasselbande. Wir sind insgesamt vier Leute, eine Seniordesignerin und zwei Junioren. Hassan hat jetzt gerade die Collagen für die letzte Intro gemacht. Dani tendiert in die Material- und Verarbeitungsrichtung und hat in dem Bereich viel Potential. Carolin ist meine Seniordesignerin. Sie hat ein sehr gutes Gespür für Typografie. Wir können uns wahnsinnig gut austauschen, weil ich ein großer Typo-Liebhaber bin. Das ist mein kleines kreatives Team. Auf der anderen Seite muss ich immer sagen, dass ich den ganzen Spaß nicht ohne meine Frau machen könnte. Sie macht den ganzen Kundenkontakt. Sie hat wiederum zwei Leute unter sich – eigentlich  drei inklusive der Buchhaltung. Das ist das Team plus Alena, die unsere Produktion organisiert. Ich weiß gar nicht wie alt Alena jetzt ist, aber ich glaube, sie ist 55 und beendet gerade ihr Kunststudium. Sie teilt meine Leidenschaft für die Verarbeitung. Sie hat ein ähnliches Auge für Qualität und für Details und da habe ich einen guten Austausch. Das ist das Team von Paperlux, ergänzt durch Gerrit Baumann, unseren Buchdrucker, der jemand externes ist, aber mit zur Familie gehört. Mit ihm kann ich mich zum Thema Drucken und Experimentieren gut austauschen.

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Wie verläuft bei Paperlux die typische Ideenfindung in einem Projekt?

Max Kuehne
Ich glaube Ideenfindung und Ideensuche funktioniert immer über eine gewisse Limitierung. Ich habe gemerkt, dass es schwierig ist, wenn ich meinen Kreativen sage „macht mal irgendwas“. Das funktioniert nicht, also muss man eine kleine Story finden. Wir gucken selten auf irgendwelchen Designblogs. Wir sagen dann „ok, lass uns mal rausgehen oder ich habe hier diesen kleinen Zettel oder guckt mal was ich letztens fotografiert habe“ und dann geht es los. Eine klassische Ideenfindung in dem Sinne wäre auch wieder das novum-Cover. Da haben wir uns bei der Gestaltung und allem, was technisch passiert ist, auf zwei Sachen limitiert: Offset-Druck mit dem wir rumspielen wollten und eine große Stanzmaschine die wir zur Verfügung hatten. Für die nächstjährige Goldene Kamera haben wir gesagt, wir finden das Thema La Dolce Vita, also Italien, 50-60er Jahre, natürlich auch den Film interessant und haben uns da inspirieren lassen. Wir haben uns Fotografien, Typografie und alte Filmplakate aus der Zeit angeguckt. Also es ist immer wichtig zu gucken, was man für eine Geschichte findet, was man manchmal auch für ein Material findet oder auch Menschen, die einen inspirieren.

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Was hat euch zu dem novum-Cover inspiriert?

Max Kuehne
Buckminster Fuller plus die Limitierung der Möglichkeiten: zu sagen Offset Druck und Stanzen, das ist das, was wir zur Verfügung haben. Mit Buckminster Fuller gehe ich schon ein paar Jahre schwanger: seine konstruktiven, aber auch seine philosophischen Ansätze. Wie zum Beispiel das Thema Raumschiff Erde: wir müssen sie eigentlich sorgsam behandeln, Ressourcen sparen und vernünftig mit dem ganzen Thema umgehen. Das war auch die Idee, hinter den ganzen Farbvarianten, zu sagen „wir schaffen aus vier Druckplatten sechs Farbvarianten“, die jetzt im Handel waren. Eigentlich mögliche Farbvarianten bei diesem Projekt waren aber vier hoch vier. Das war sehr spannend, selbst die Druckplanung. Das war das erste Mal, dass ich glücklich war, Excel zu haben, weil wir die Druckplanung für das Plattentauschen in Excel gemacht haben.

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Offset Druck und Stanzen. War das vorgegeben oder habt ihr euch „selbstlimitiert“?

Max Kuehne
Selbstlimitiert. Wir hätten es natürlich auch gold mit einem Relieflack machen können, aber wir wollten das mit unserer Druckerei machen und haben geguckt, welche Maschinen uns gerade gefallen und was man mit diesen Maschinen machen kann. Wir haben gesagt, eine große Stanzmaschine 70×100 und eine Offset Druckmaschine, das ist das, was wir zur Verfügung haben und haben darauf eine Idee entwickelt.

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Wie geht ihr da vor? Setzt sich einer von euch hin und guckt, was man Kreatives mit dieser Maschine machen kann oder sucht ihr euch einen Experten, der euch erzählt, was alles möglich ist?

Max Kuehne
Glücklicherweise haben wir das Know-How im Haus. Was solche Spielereien angeht, bin ich die treibende Kraft. Dadurch, dass ich früher in meinem Job Drucken gelernt habe, kenne ich das ganze Thema Handwerk und weiß, was möglich ist. Ich versuche auch immer zu wissen, was unmöglich ist. Dann rede ich mit dem Stanzenbauer, was möglich ist und was für Stanzen solche Maschinen haben. Ich weiß jetzt nicht, was jede Maschine für Toleranzen hat, aber ich versuche sie bis zum geht nicht mehr auszureizen. Ich stehe dann jeden Tag an dieser Maschine und sage den Leuten „komm das muss doch noch ein bisschen besser gehen und das muss wirklich auf das hundertstel genau sein“ und guck dann auch, das ich ein technisches Verständnis dafür bekomme. Mein Vater hat in seiner frühen Zeit mit meinem Onkel zusammen eine Werkstatt gehabt. Sie haben Trabi-Motoren im Osten repariert, neben seinem normalen Beruf als Maschinenbaumeister. Da habe ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht und habe immer fröhlich zugeguckt. Mein Vater hat die Maschinen entwickelt, die sie dafür brauchten – irgendwelche Pressen und Sonstiges. Ich habe mich schon recht früh dafür interessiert, nie bewusst, sondern eher unbewusst, aber das ist, glaube ich, das, was wichtig ist. Ich verstehe viele dieser Maschinen: was möglich ist und wie wir sie noch ein bisschen mehr ausreizen können.

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Wie funktioniert die Papiergravur von Paperlux?

Max Kuehne
Es ist ein Laserverfahren. Laser gibt es mittlerweile seit den 60er Jahren. Das Durchlasern oder die Filigran-Laserstanzung gibt es jetzt schon ein bisschen länger. Wirklich bis zu einem bestimmten Punkt zu gravieren und auch in einem Motiv unterschiedliche Tiefen zu schaffen, dass ist das, was das Gravurverfahren so interessant macht. So wird eine Dreidimensionalität in der Oberfläche geschaffen. Wir erstellen die Vorlagen am Rechner und können sie dann direkt auf das Material geben. Aber wir sind sehr abhängig vom Material. Ich kann nicht wie bei einem Druckverfahren sagen, dass das jetzt Grün oder Rot wird, sondern ich muss wissen, wie meine Materialien auf die Bearbeitung reagieren. Ich kann noch ein bisschen was mit der Intensität steuern, aber ich bin sehr abhängig vom Material. Wir gravieren nur auf Papier von Gmund oder Lakepaper, das hat bei uns auch den Hintergrund der Qualitätssicherung und Auflagenstabilität, sodass ich sagen kann, das erste gravierte Teil sieht genau so aus wie das Letzte, das aus der Maschine kommt. Das ist sehr interessant, weil es ganz abgefahrene Ergebnisse gibt, je nachdem welches Material man gerade in der Hand hat oder was Gmund gerade neues gemacht hat. Wir dürfen glücklicherweise in der Entwicklung auch ein bisschen mit drin stecken und bekommen Papiere relativ früh zu Gesicht. Wir können sagen „ok das funktioniert jetzt für die Gravur“ und können da natürlich auch so eine Art Lizensierung aussprechen. Es gibt auch Papiere, z.B. von Gmund, die wir nicht gravieren können. Das ist einfach durch das Material gegeben.

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Arbeitet ihr auch mit anderen Designern und Agenturen zusammen?

Max Kuehne
Gerne, ich bin da total offen. Dadurch, dass wir auch aus der Produktionsecke kommen, haben wir natürlich immer mit Designern und Agenturen zusammen gearbeitet. Ich habe da nicht wirklich viele Geheimnisse. Ich glaube, das größte Geheimnis – und das kann man nicht abgucken – ist eigentlich die Leidenschaft für die Sachen, die wir machen. Ich glaube das ist das Geheimnis von jedem, der solche Sachen macht – die Leidenschaft. Und alles andere kommt ganz von selbst.

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Habt ihr Bedenken das sich in der Zusammenarbeit jemand bestimmte Produktionsverfahren abguckt?

Max Kuehne
Es gibt viele gute Designer da draußen. Ich glaube alles ist interessant und wir haben Angst vor niemandem und wir haben am allerwenigsten Angst davor, dass uns jemand etwas abguckt. Am Ende des Tages gucken wir uns alle in irgendeiner Form gegenseitig etwas ab und das ist total wichtig: Inspiration auf allen möglichen Ebenen, ob es jetzt in der Zusammenarbeit mit einem anderen Künstler ist oder mit einem anderen Designer oder mit einer anderen Agentur.

Photocredits:
Team Fotos Niels Kramer
Product-Shoots Michael Pfeiffer

 

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1 Comment on "Paperlux"

  • jke on 24.01.2012 at 15:18:

    Interessantes Interview, thx!

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